Die neue Kurzgeschichtensammlung

Erste Rezension im Vorhang Auf! Mai 2018

Eine Leseprobe

Die dunkle Seite des Odenwaldes

 

 

In einer einsamen Nacht verlor ich mich in den unendlichen Tiefen des Internets. Die Zeit zerrann und ließ mich nur noch aus Augen und Fingern bestehen. Gefangen in dem, was ich las und in dem, was ich in die Tastatur hämmerte, fühlte ich mich verrückt in eine andere Welt. Immer mehr wollte ich von der engelsgleichen Gestalt erfahren, die sich mir vorgestellt hatte. Es klang faszinierend, und das Beste war, dass der Mensch an der anderen Auffahrt zur Datenautobahn ganz in der Nähe wohnte. Übermüdet und doch aufgepeitscht durch mehrere Tassen Kaffee tippte ich den Satz: Wollen wir uns schon morgen zum Frühstück treffen, denn ich bin danach für drei Wochen in Südfrankreich?

Ich sendete die Nachricht und schon blinkte die Antwort auf meinem Bildschirm, ein einfaches Ja.

Wenig später fiel ich in einen tiefen traumlosen Schlaf. Ich schlief am nächsten Morgen bis zehn Uhr, denn ich musste kein Frühstück machen. Um kurz vor elf stand ich frisch geduscht im Schankraum der altehrwürdigen „Sonne“ in Ernsthofen.

Nahezu jeder Mann hat eine Vorstellung von einer Frau, die er gerne näher kennen lernen möchte, so auch ich. Und die Frau, die an dem rustikalen Holztisch saß, passte sehr gut zu meiner Vorstellung. Lange blonde Haare, offen getragen, ein fein geschnittenes Gesicht, sanfte rehbraune Augen und dieses verführerische Lächeln. Aber irgendetwas störte mich auch. Doch für Bedenken hatte ich jetzt keine Zeit. Beherzt ging ich auf die Frau zu, blieb direkt vor ihr stehen und fragte: „Bist Du der virtuelle Engel von letzter Nacht?“

Setz Dich“, sagte die junge Frau sanft, schaute mir kurz in die Augen und ließ dann ihren Blick nach unten gleiten. „Du siehst genau so aus wie das Bild in meiner Vorstellung.“

Ich errötete und plapperte los. Ich erzählte von meinem Reisevorhaben, von den schönen französischen Flüssen und dem Kajakfahren. Die Frau hörte geduldig zu. Dann erzählte sie von sich, von ihrer zerstörten Ehe, dem untreuen Ehemann und dem langwierigen Sorgerechtsstreit um den fünfjährigen Sohn. Ich wollte all das nicht hören, zumindest nicht beim ersten Treffen und erschrak, als mir die Frau plötzlich ihre Hand auf meinen Unterarm legte. Die Hand war warm und angenehm, aber dennoch störte sie. Ich konnte es nicht benennen, aber Grenzen wurden überschritten, eine Spielregel wurde nicht eingehalten. Eine vergessen geglaubte Erinnerung an meine Mutter erwachte.

Ich dachte daran, dass ich heute noch in den Urlaub fahren würde. Eilig trank ich den Kaffee aus, aß die letzten Bissen meines Honigbrötchens und sagte dann, nicht ohne zuvor auf meine Uhr zu schauen: „Oh, schon so spät. Ich muss jetzt gehen. Es war schön mit Dir. Vielleicht können wir uns nach meinem Urlaub wiedersehen.“

Sie blickte mich nicht an und schwieg. Ich war verunsichert. Ich konnte mich nicht verabschieden und musste noch eine Weile bleiben. Endlich blickte die blonde Frau zu mir auf und sagte leise: „Okay.“

Ich war dankbar. Die Frau legte nochmals ihre Hand auf meinen Unterarm, schaute mich an und flüsterte: „Kannst Du mir noch einen Gefallen tun, bitte?“

Das angehängte bitte ließ mir keine Wahl. Sie erzählte mir, ihr Sohn besuche den Kindergarten „Pfiffikus“, und er müsse um halb eins abgeholt werden. Sie wohne in Neutsch. Ob ich sie und ihren Sohn nicht dorthin fahren könne?

Ich stimmte zu und die Stimmung war gelöst. Die Frau erzählte lustige Alltagsgeschichten und kommentierte meine Bemerkungen lakonisch frech. Das gefiel mir.

Die Zeit verging und wir mussten zahlen.

Vor dem Eingang stand mein gepacktes Auto, das Kajak hatte ich auf dem Dach festgezurrt.

Die Frau leitete mich zu dem Kindergarten. Als wir angekommen waren, parkte ich in der unmittelbaren Nähe des Eingangstors. Die Frau schwieg. Sie machte keinerlei Anstalten, das Auto zu verlassen. Ich wartete. Immer weniger Kinder kamen in Begleitung eines Elternteiles aus dem Kindergarten. Noch immer saß die Frau neben mir und starrte durch die Windschutzscheibe. Sie bewegte sich keinen Millimeter. Ihr Mund war zu einer dünnen Linie zusammengepresst. Ich beobachtete sie. Sie erschien mir wie eine Puppe gedrechselt, aus hellem Holz, doch es gab einen Unterschied, die Augen der Frau waren plötzlich rot, sie füllten sich und liefen über.

Was ist?“, fragte ich zaghaft. Ich vermied es, ihren Arm zu berühren.

Plötzlich brach es aus ihr heraus, als wenn jemand einen Schalter umgelegt hätte. Die Frau schlug wie wild auf das Handschuhfach und schrie: „Mein kleiner Junge wird nicht mehr aus dem Kindergarten kommen. Es gibt ihn nicht mehr und an allem ist Klaus-Dieter schuld. Dieser verdammte Hund.“ Immer wieder schlug sie auf den Airbag. Ich fühlte mich, als säße ich im Kino. Ich beobachtete eine Szene, die skurril war und weit weg von meinem eigenen Verhalten lag. Erst langsam wurde mir bewusst, die Frau saß in meinem Auto und war im Begriff, meinen Airbag zu zertrümmern. „Hör auf!“, schrie ich endlich und packte ihre beiden Handgelenke. Wieder schien ein Schalter umgelegt worden zu sein und die Frau beugte sich vornüber und schluchzte. Ich konnte nicht anders. Ich legte meinen Arm um ihre Schulter und zog ihren Körper behutsam an meinen. Kaum hatten wir uns berührt, klammerte sich die Frau an mir fest, als wäre sie eine starke Raucherin und ich ihre letzte Zigarette. Meine Backe und mein Hals wurden nass. Die Tränen schmeckten salzig. Ich mochte ihre Nähe. Ihr Haaransatz roch angenehm. Ich wollte trösten, hatte aber gleichermaßen Angst vor der Absolutheit ihrer Umarmung. Langsam packte ich ihre Hände und brachte einen kleinen Abstand zwischen uns.

Ihr Blick drang durch mich hindurch.

Dann plötzlich war er wieder da, dieser ominöse Schalter. Die Frau richtete sich auf, strich mit beiden Händen die Tränen von ihren Wangen, holte aus ihrer Tasche ein Tuch, putzte sich die Nase und schaute mich offen an.

Ich hatte mich entschieden, bevor sie etwas sagen konnte. „Ich fahre Dich jetzt nach Hause und dann starte ich durch nach Frankreich, okay?“

Die Frau nickte. Sie beschrieb mir den Weg und wir sprachen ansonsten kein weiteres Wort miteinander. Der schmale Weg schlängelte sich durch den dichten Wald und verlangte meine Aufmerksamkeit. Ich dachte nicht darüber nach, was ich erlebt hatte. „Da vorne“, sagte die junge Frau, „da vorne wohne ich.“ Ein wunderschönes altes Bauernhaus. Ich war beeindruckt und stoppte das Fahrzeug, ließ aber den Motor weiterlaufen.

Die Frau blieb sitzen. Sie öffnete die Fahrzeugtür nicht, sondern drehte sich kurz zu mir und murmelte: „Es tut mir leid, dass Du das vorhin mit ansehen musstest. Ich lebe in Scheidung und mein Mann will das Kind.“ Die Traurigkeit schwenkte sofort in Wut um und ihr Gesicht verkam zu einer Fratze, als sie fast schon wieder schrie: „Das wird der nicht schaffen, dieser Drecksack. Dafür habe ich gesorgt.“

Dann schwieg sie kurz und fügte in lockerem Plauderton hinzu: „Komme bitte kurz in meine Wohnung. Ich möchte Dir einen Kaffee kochen, damit Du die lange Fahrt nach Frankreich besser überstehst.“ Ich erwiderte: „Nein, ich muss jetzt fahren. Es ist schon spät.“ „Ach was“, unterbrach mich die junge Frau „Komm! Einen Augenblick nur. Es wäre mir lieb, wenn Du meine Wohnung sehen würdest. Die sieht ordentlicher aus, als mein Inneres vermuten lässt.“ Verschmitzt lächelte sie mich an. Ich konnte diesem Lächeln nicht widerstehen. Es hatte etwas Magisches an sich und mir fiel ihr Geruch sofort wieder ein, den ich genossen hatte, als ich sie in meinen Armen hielt.

Ihre Wohnung gefiel mir tatsächlich. Ich empfand sie zwar etwas zu dunkel, aber gemütlich. In einem Eck des Wohnzimmers lagen unzählige Kissen auf einer Matratze. Sie ließ mich allein, um den versprochene Kaffee zu kochen. Ich schlurfte zur Glastür, die in den verwilderten Garten führte, und öffnete sie. Auf der Terrasse lag ein zusammengerollter Teppich. Ich sah ihn zu spät und stolperte darüber. Er entrollte sich ein wenig und ein kleiner bleicher Kinderfuß ragte plötzlich heraus. Mein Herz galoppierte und ich wollte weg. Im Wohnzimmer stand die Frau im Weg. Sie hielt eine Kaffeetasse in Händen. Mit hängenden Augenlidern murmelte sie verschwommen: „Lass mich nicht allein. Das Gift, das ich genommen habe, wirkt schon. Ich möchte in deinen Armen sterben.“

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© Andreas Roß